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„In den Menschen wohnen unglaub­liche Kräfte“

In uns allen steckt ein großes Potenzial: die Kraft, uns gesund zu halten oder es wieder zu werden. Doch weshalb ist uns diese besondere Kraft so wenig vertraut? Ein Gespräch mit Dr. Anna Paul, Leiterin der Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte.

„Unsere Selbstheilungskräfte sind immanent, sind da. Aber natürlich kann man sie auch überfordern.”

Dr. Anna Paul, Leiterin der Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte

Frau Dr. Paul, wir alle besitzen Selbstheilungs­kräfte, wissen aber oft gar nicht genau, wie wir sie aktivieren können. Woran liegt das?

Die Menschen wissen, dass sie selbstregulativ sind, also Selbstheilungskräfte besitzen. Intuitiv, auch wenn sie es nicht so benennen. Man kommt mit einem entsprechenden Grundverständnis auf die Welt. Dieses geht in unserer Gesellschaft jedoch zumeist wieder verloren.

Weshalb?

Weil eine kulturelle Entwicklung stattgefunden hat: Früher, als wir noch mehr in und mit der Natur lebten – unter anderem in Gruppen, um zu überleben –, musste der Mensch noch stärker auf seine natürlichen Fähigkeiten achten. Diese Fähigkeiten werden heute nicht mehr entwickelt, weil sie den Menschen im Kulturraum abge­nommen werden: Ärzte und Ärztinnen sorgen für unsere Gesundheit, Pflegerinnen und Pfleger übernehmen die Fürsorge im Krankheitsfall und im Alter. Diese Fähigkeiten haben wir im Prinzip ausgelagert und holen sie uns damit von außen, aber nicht mehr von innen.

Also sind unsere Selbstheilungskräfte zwar vorhanden, aber schwach, weil uns das Training fehlt? Wie eine Stimme, die wir nicht mehr hören?

So in etwa. Die Wahrnehmung der eigenen Signale dafür, was ich brauche oder was meinem Körper guttut, ist hier ein extrem wichtiges Thema. Aber der Zugang dazu ist immer schwieriger geworden, aus vielerlei Gründen. Um wahrzunehmen, was für uns gut ist oder was uns fehlt, müssen wir in uns hineinspüren. Dies haben wir jedoch meist gar nicht mehr gelernt oder wir haben schlichtweg nicht mehr die Ruhe dafür. Körper oder Seele bekommen gar nicht erst die Chance, es selbst zu machen. Wir sind nicht mehr in dem Raum-Zeit-Gefüge und in den Naturräumen von früher. Stress und Zeitdruck regieren und der Körper bekommt keine Gelegenheit zu regulieren. Wir sagen nicht mehr: Mein Körper hat Schaden genommen, ich ziehe mich jetzt zurück und lasse ihn erst mal gesunden. Tiere würden so reagieren.

Aber der Körper erholt sich ja auch nicht immer allein. Manchmal braucht er auch Hilfe, bei einem gebrochenen Bein zum Beispiel.

Unsere Selbstheilungskräfte sind immanent, sind da. Aber natürlich kann man sie auch überfordern. Ein Beispiel: Haben wir dauerhaft Stress durch berufliche und private Überforderung, schwächt dies unser Immunsystem. Studien haben beispielsweise gezeigt, dass pflegende Angehörige eine vergleichsweise schlechte Wundheilung haben – das System ist hier überfordert. Aber dann ist es ja gut und fein, wenn die Medizin dieses System unterstützt und den Heilungsprozess fördert.

Aber wer heilt dann konkret? Nicht die Medizin allein, sondern sie gemeinsam mit den Erkrankten und deren körpereigenen Heilungskräften. Der Körper macht seine Aufgabe übrigens auch ziemlich gut. Wenn man sich zum Beispiel in den Finger schneidet, setzt der Körper sofort Heilungsprozesse in Gang und man kann sehen, wie die Wunde am Finger wieder heilt. Dann kommen die ganzen heilenden Stoffe, die den Schnitt wieder zusammenkleben, und es werden wieder neue Zellen gebildet. Sehr interessant dabei: Es werden im besten Fall nur so viele Zellen gebildet, wie zuvor auch da waren, es wächst nicht ohne Ende weiter. Daran sieht man, dass hinter diesem Prinzip der Reparatur eine biologische Intelligenz steckt.

Der Körper ist also auf Selbstheilung programmiert?

Meistens. Nach dem biologischen Prinzip geht es grundsätzlich darum, zu überleben und sich fortzupflanzen. Und dafür braucht das System Mensch eine Funktions­fähigkeit. Interessanterweise haben wir ja ganz viele Sachen doppelt und dreifach angelegt: Die Lunge hat verschiedene Flügel, wir haben zwei Nieren, auch zwei Arme, also kann einer mal verloren gehen. Und manche Dinge im Körper regenerieren sich selbst sehr gut, die Leber zum Beispiel. Aber es ist natürlich nicht so, dass dies alles unendlich machbar wäre. Zunächst einmal gibt es einen Alterungsprozess, den man zwar beeinflussen, aber nicht unendlich stoppen kann. Und es gibt eben auch eine Belastungsgrenze, an der jedes biologische System zerbricht.

Und wir können dieses natürliche Selbst­heilungsprogramm unterstützen?

Unsere Gesundheit liegt mehr in unseren eigenen Händen, als wir vielleicht ahnen. Ärztinnen und Ärzte machen immer wieder die Erfahrung, dass Patienten und Patient­innen sich selbst zu wenig einbringen, kein Zutrauen in ihr eigenes Heilungs­potenzial haben, auch viel zu wenig darüber wissen.

In meiner Tätigkeit in der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin erfahre ich jedoch täglich, welche unglaublichen Kräfte Menschen innewohnen, wenn es darum geht, ihre Gesundheit zu stärken. Es ist eindrucksvoll, wie Körper, Geist und Seele sich erholen, wenn wir uns selbst dafür Raum und Zeit geben. Denn oft bedarf es nur eines achtsamen und wertschätzenden Umgangs mit uns selbst, um zum Beispiel entzündliche Prozesse zu bremsen oder das Immunsystem seine Arbeit machen zu lassen.

Was braucht unser Selbstheilungsprogramm außerdem noch?

Es gibt verschiedene Bereiche, in denen wir aktiv die Gesundheit fördern können. Die Prävention hat hier zehn Bereiche definiert, die einen gesunden Lebensstil ausmachen und somit unsere Ressourcen stärken. Diese Bereiche habe ich für meine Patienten und Patientinnen in ein Bild gefasst, den „Tempel der Gesundheit“. Er vereint wesentliche Bereiche, die wir pflegen müssen, wenn wir langfristig gesund sein möchten. Dass Dinge wie Ernährung, Bewegung oder Entspannung wichtig sind, dürfte vielen bekannt sein. Aber auch andere Dimensionen wie Lebensziele, der Beruf oder die Familie können grundlegende Ressourcen sein. Wenn wir diese Bereiche stärken, stärken wir damit gleichsam auch unsere Selbstheilungskräfte. Gesundheit und Gesundung entstehen im harmonischen Zusammenspiel unserer bestimmenden Lebensbereiche.

Bildnachweis

Artikeleinstieg: Eleganza (istockphoto.com)
Im Text: Nastasic (istockphoto.com)
Portrait: Stephanie Wolff

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